Die Gegensätze könnten kaum größer sein. Istanbul, die Megacity am Bosporus, ist Startpunkt für die Tour, die Luzia Pesch durch die Weite Anatoliens bringt. Begleitet wird sie von türkischer Gastfreundschaft und einer Küche, die so viel mehr als Döner zu bieten hat. Krönender Abschluss ist die fantastische Landschaft rund um Göreme, die längst kein Geheimtipp mehr ist.

Um mich herum nur der Horizont, über mir nur der Himmel. Ich lasse den Lenker kurz los, recke die Arme in die Luft und stoße einen Freudenschrei aus, den außer meiner Mitreisenden Denise wohl niemand in dieser Gegend hört – so fühlt sich für mich Freiheit an! Wir sind mit unseren bepackten Rädern mitten in Anatolien unterwegs. Die Frühlingssonne schenkt uns schon ordentlich Wärme. Auch die Feldlerchen feiern den Tag und haben sich in die Lüfte erhoben, um unsere Fahrt über die Hochebene mit ihrem typischen Gesang zu untermalen. Vor einigen Tagen das Gegenprogramm: Istanbul ist riesig, hektisch und voll. Mit 16 Millionen Einwohnern ist es die größte Stadt Europas. Und so fühlt es sich auch an.
Zwischen Europa und Asien
Wir sind überwältigt von den Menschenmassen in dieser Stadt, die sich nicht nur an den Hauptattraktionen wie der Blauen Moschee oder der Hagia Sophia tummeln. Unser Hostelbesitzer erklärt uns, dass es in unserem Viertel vor zwanzig Jahren nur etwa zehn Hotels gab. Heute sind es zehn pro Straße. Touristen mischen sich unter die Einheimischen. Die Stadt hat eine aufregende Geschichte hinter sich, was vor allem an ihrer einzigartigen geografischen Lage zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer sowie zwischen zwei Kontinenten, Europa und Asien, liegt. Griechen, Perser, Römer und Osmanen kämpften um die Vorherrschaft und ließen sich hier nieder. Aus dem Handels- und Machtzentrum Konstantinopel wurde Istanbul, das seit 1923 zur Republik Türkei gehört. Das Nebeneinander von Moscheen, Kirchen und Synagogen zeigt, dass die Stadt schon immer ein Schmelztiegel der Nationen war und auch heute noch zu sein scheint.
Wir genießen die vielfältigen Gerüche auf den Märkten, die bunten Farben der Gewürzstände und gewöhnen uns an die Gesänge des Muezzins, die uns bereits vor Sonnenaufgang aufwecken. Istanbul ist eine Katzenstadt. Überall begegnen wir den zutraulichen Tieren, die sich über Streicheleinheiten freuen. Katzenfreunde haben ihnen liebevoll kleine Häuschen mit Wasser- und Futternäpfen bereitgestellt. Das macht die Großstadt sehr sympathisch für uns. Auch wenn die Metropole am Bosporus nicht die Hauptstadt des Landes ist, schlägt hier die türkische Seele zwischen Europa und dem Orient.
Vom Radweg auf die Autobahn
Nach drei Tagen verlassen wir die Stadt. Die Fähre bringt uns über den Bosporus in den asiatischen Teil. Zu gern wäre ich über eine der transkontinentalen Brücken geradelt, aber für Fahrräder sind diese leider gesperrt. Dem hippen Viertel Kadiköy, mit seinen netten Cafés und kleinen Läden, statten wir noch einen Frühstücksbesuch ab, bevor es auf einem Radweg am Wasser Richtung Osten geht. Als wir losradeln, liegen über 800 Kilometer vor uns bis zu unserem Ziel Göreme in Kappadokien, das wohl jeder als Postkartenmotiv mit den bunten Heißluftballonen kennt.
Istanbul zieht sich gefühlt endlos durch Vororte. Fast immer folgt der gut ausgebaute Radweg der Küste und schlängelt sich durch eine Vielzahl an neu angelegten Parkanlagen. Nach vierzig Kilometern haben wir das Gefühl, die Stadt hinter uns gelassen zu haben und der Radweg hört abrupt auf. Wir landen auf einer Autobahn und schütten reichlich Adrenalin aus. Es ist laut, staubig und wegen der Lastwagen nicht ganz ungefährlich, hier zu radeln. Spaß macht es so auf jeden Fall nicht. Wir sind froh, als wir am See in Sapanca wieder unsere Ruhe haben. Von hier aus geht es auf den nächsten Etappen hinauf auf die Hochebene.
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