Sardinien wird oft als die »Karibik Europas« bezeichnet, aber die mediterrane Insel ist viel mehr als türkisfarbene Buchten. Die Westküste lockt Radfahrer mit schroffen Klippen, geschichtsträchtigen Küstenstädten und einer reichen Bergbauvergangenheit – wenn Petrus mitspielt.

Die steil ins Meer abfallenden Klippen flößen Respekt ein. Erst recht bei starkem Wind. In Böen fegt er über das karge Plateau und wirbelt Sand und Staub auf. In der Tiefe prügeln schwere Brecher unablässig auf die Klippen ein, manchmal so heftig, dass der Boden unter den Füßen leicht vibriert. Der Faro Mangiabarche, der weiße Leuchtturm auf einem Riff vor der Küste, wird immer wieder von dem schäumenden Inferno verschluckt. Nur dem Starenschwarm scheint der Wind nichts auszumachen. Im Gegenteil: Nur einen Steinwurf von der Klippe entfernt vollführen Myriaden schwarzer Vögel mit erstaunlich synchronen, wellenartigen Bewegungen eine beispiellose Choreografie.
Das Gesetz der Schwerkraft
Seit dem Morgen sind Rob und ich auf Sant’Antioco unterwegs. Die Insel vor der Südwestküste Sardiniens ist das erste Ziel unserer einwöchigen Radtour von Carbonia im Südwesten nach Alghero im Nordwesten der zweitgrößten Mittelmeerinsel. Bei mildem Spätsommerwetter fuhren wir zunächst entlang der Ostküste von Sant’Antioco zwischen hohen Bambusstauden, später dem Strand folgend nach Norden zum Fischerdorf Calasetta und von dort auf ruhigen Nebenstraßen an der Westküste nach Süden. Dort verfolgen wir gebannt das Schwarmverhalten der Stare – und ahnen nicht, dass sich das Wetter allmählich ändert.
Weiter südlich wird die Landschaft bergiger, karger und einsamer. Die geteerte Straße weicht einer staubigen Piste, gesäumt von Ruinen und einzelnen Villen mit hohen Zäunen und Überwachungskameras. Erst von einer Anhöhe aus sehen wir die schwarzen Wolken, die sich schnell und bedrohlich vom Meer her nähern. Zu allem Überfluss verpassen wir auch noch eine Abzweigung. Als wir schnaufend den verfallenen Leuchtturm auf Capo Sperone erreichen, bricht die Hölle los. Harte Regentropfen peitschen uns ins Gesicht, Blitze zucken und der Donner hallt in den Bergen wider.
»Raus hier!« schreit Rob und eilt davon. Ich rase hinterher, komme aber nicht weit: Der Schlamm der aufgeweichten Piste blockiert die Räder und die Schwerkraft tut ihr Übriges. Mit einem dumpfen Aufprall lande ich auf dem Boden. Rob kommt eine Kurve weiter zum Stehen und schüttelt den Kopf. Am Ende bleibt uns nichts anderes übrig, als die schweren Räder zu Fuß nach unten zu tragen und den Schlamm mit den Fingern zu entfernen. Als die Inselhauptstadt Sant’Antioco endlich auftaucht, dämmert es längst. Und so beschert uns ein Wettersturz einen klassischen Fehlstart …
Reiche Bergbauvergangenheit
Von Sant’Antioco kehren wir frühmorgens auf das sardische »Festland« zurück und fahren entlang der Küste nach Gonnesa. Was nun folgt, ist wie das Blättern in einem Bildband. Die Ausblicke auf die wilde Steilküste werden mit jeder Kurve spektakulärer. Dazu stoßen wir immer wieder auf das Erbe der reichen Bergbauvergangenheit Sardiniens. 54 ehemalige Bergbaustätten bilden den Parco Geominerario della Sardegna, der 1997 als UNESCO Global Geopark anerkannt wurde.
Unsere erste Begegnung mit der Bergbaugeschichte erfolgt in Nebida, wo wir von der Terrasse der Bar »906 Operaio« auf den Pan di Zucchero (Zuckerhut) blicken, eine kleine Felsinsel, die wie ein riesiger Kalksteinzahn aus dem Meer ragt. Der Clou: Die Bar liegt im Felsen, im ehemaligen Sprengstofflager einer Mine, die Toiletten befinden sich im früheren Zünderlager. Masua erinnert an die früheren Aktivitäten der belgischen Bergbaugesellschaft »Vieille-Montagne«. Eine Stichstraße führt zur kleinen Bucht Porto Flavia mit den Überresten des alten »Hafens«: Durch einen Stollen, der mitten in der Klippe im Nirgendwo zu enden scheint, wurden einst für die Hochöfen in Belgien oder Frankreich bestimmte Blei- und Zinkerze direkt auf die vor der Küste ankernden Dampfschiffe verladen.
Von Masua biegt die Küstenstraße ins Landesinnere ab und treibt uns mit dem Duft der Macchia in der Nase über die Berge nach Buggerru, einem weiteren Schauplatz industrieller Archäologie. Schon in der Römerzeit wurde hier Silber geschürft. Von 1870 bis 1979 wurden in der örtlichen Miniera di Malfidano mehr als 1 Million Tonnen Zink und 200.000 Tonnen Blei gewonnen. Die Geschichte lebt weiter im Museo del Minatore (Bergmannsmuseum).
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