Der Mestia-Ushguli-Trek, Georgiens beliebtester Wanderweg, ist für viele europäische Wanderer noch ein echter Geheimtipp. Über vier Tage führt er durch die Wildnis des Großen Kaukasus – vorbei an majestätischen Gipfeln, uralten Wehrtürmen und abgeschiedenen Dörfern, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Auf den weniger bekannten Alternativrouten offenbart sich die ursprüngliche Schönheit der Region in ihrer ganzen Pracht. Dazu kommt die georgische Gastfreundschaft, die sich nicht nur in herzlichen Begegnungen, sondern auch in reichhaltigen, hausgemachten Mahlzeiten zeigt. Es ist eine Reise, die nicht nur Abenteuer verspricht, sondern auch kulinarische Genüsse und tiefe Einblicke in die Seele Georgiens bietet – ein Erlebnis, das lange in Erinnerung bleibt.

Tag 1: Von Mestia nach Tsvirmi
Auf den Spuren eines Bergsteigers
Unsere Reise beginnt im malerischen Mestia, dem kulturellen Herz von Swanetien. Schon beim ersten Anblick der imposanten Wehrtürme, die wie stumme Wächter über dem Dorf stehen, spüren wir die historische Bedeutung dieses Orts. Diese mittelalterlichen Türme, einst erbaut, um die Bewohner vor Invasoren zu schützen, erzählen Geschichten von vergangenen Zeiten, als Mestia noch ein wichtiger Knotenpunkt auf dem Handelsweg zwischen Europa und Asien war. Die Straßen des Dorfes vibrieren vor Leben, und dennoch meistert Mestia den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne. Hier beginnt die bekannteste Trekkingroute des Landes.
Anstatt die klassische Route über Zhabeshi zu nehmen, entscheiden wir uns, nach einem Tipp von einem einheimischen Bergsteiger, für eine weniger begangene, aber umso faszinierendere Alternative. Nach einer kurzen Fahrt mit der Zuruldi-Gondel, die uns fast 1.000 Meter in die Höhe bringt, startet unsere Wanderung entlang eines abgelegenen Bergkamms. Schon vom ersten Schritt an werden wir von der atemberaubenden Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus überwältigt. Die Berge erstrecken sich endlos am Horizont, und der Blick auf die unberührte Natur weckt ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer.
Auf dieser selten begangenen Route begegnen wir kaum anderen Wanderern – vielleicht drei Menschen, nachdem wir die Seilbahnstation hinter uns gelassen haben. Der Weg entlang des Bergkamms führt uns durch weite, grasbewachsene Flächen und bietet uns unvergessliche Panoramablicke auf die majestätische Bergwelt. Es ist ein Tag der Stille, der Abgeschiedenheit und des Eins-Sein mit der Natur.
Der Abstieg ins Dorf Tsvirmi ist abenteuerlich, da der Weg allmählich in Geröll übergeht und wir irgendwann nicht mehr sicher sind, ob wir einem alten Pfad oder einem ausgetrockneten Flussbett folgen. Doch das Wissen, dass wir einfach nur bergab müssen, gibt uns eine beruhigende Sicherheit.
Als wir schließlich Tsvirmi erreichen, fühlt es sich an, als wären wir in eine andere Zeit versetzt worden. Das Dorf ist ursprünglich und kaum vom Tourismus berührt. Kühe mit ihren Kälbern und Schweine mit ihren Ferkeln laufen frei umher, und das Leben hier folgt einem eigenen, ruhigen Rhythmus, weit entfernt von der modernen Welt. Die wenigen Gästehäuser sind einfach, aber einladend.
Tag 2: Von Tsvirmi nach Adishi
Ein grünes Paradies
Der zweite Tag unserer Wanderung beginnt unter besonderen Umständen: Ein nächtliches Gewitter hat den Strom in der gesamten Region lahmgelegt, und wir starten mit fast leeren Handys. Zum Glück ist die Hauptstrecke gut ausgeschildert, so dass wir uns keine Sorgen machen müssen, den Weg zu verlieren.
Heute haben wir die Wahl zwischen zwei Routen: Die eine führt uns durch das Tal, tief in die Wälder des Kaukasus, die andere über einen Bergrücken, den man normalerweise mit der Seilbahn erreichen kann. Doch für beide Routen heißt es erstmal steil bergauf zur Seilbahn. Aufgrund des Stromausfalls ist die Seilbahn jedoch außer Betrieb, also entscheiden wir uns für die Talroute. Der Weg schlängelt sich durch eine wechselhafte Landschaft – mal durch schattige Waldpassagen, dann wieder über weite Wiesen, die uns herrliche Aussichten auf die umliegenden Berge bieten. Das leise Rascheln des Laubs und das Zwitschern der Vögel begleiten uns durch diese Naturidylle.
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